Klein, fein und flexibel Das Reußische Kammerorchester feiert Geburtstag
Porträt
Das Reußische Kammerorchester hier in der Altenburger Brüderkirche unter der Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert am Cembalo (Foto: Reußisches Kammerorchester)
In der Saison 1960/61 kam Herbert Voigt als Erster Konzertmeister an die damaligen Bühnen der Stadt Gera und gründete das Kammerorchester der Bühnen der Stadt Gera, das heutige Reußische Kammerorchester.
Damals hatte der heutige Solo-Oboer des Philharmonischen Orchesters AltenburgGera Günter Gäbler weder eine Vorstellung davon, wie eine Oboe aussieht, noch davon, was ein Kammerorchester ist. Damals war er sieben Jahre alt. Inzwischen hat aber auch Günter Gäbler ein entscheidendes Stück der 50-jährigen Geschichte des Reußischen Kammerorchesters mitgeschrieben. Gemeinsam mit Egbert Funda, Vorspieler der ersten Violinen, und wechselnden künstlerischen Leitern übernahm er nach dem krankheitsbedingten Rückzug Herbert Voigts die Geschäfte des Vereins, zu dem der Klangkörper nach der Wende wurde. "Wir gehen inzwischen auch auf unser Zwanzigjähriges", schmunzelt Günter Gäbler. Mitglied des Kammerorchesters ist er allerdings schon viel länger. Er trat 1977 bei mit dem Beginn seines Engagements in Gera. Und der Musiker erinnert sich an einige Höhepunkte dieser Ära, aber auch an Sonderbares und Merkwürdiges. Von Anfang an war das Musizieren in der Region mit einheimischen Kantoreien ein Schwerpunkt des Klangkörpers. Aber Gäbler erinnert sich auch an ein Konzert im Kinosaal von Stadtroda. Die absoluten Höhepunkte der jüngeren Geschichte entstanden aus der Zusammenarbeit mit dem Frauenkirchenkantor Matthias Grünert. Das Reußische Kammerorchester ist seit der historischen Weihe des Gotteshauses regelmäßig dort zu erleben. Erst vor wenigen Tagen waren die Musiker im Neujahrsgottesdienst aus Dresden live im ZDF zu hören und zu sehen. 50 Jahre für ein Sinfonieorchester ist das nichts Besonderes. Aber Kammerorchester, die vage an eine Institution angebunden sind, sind meist flüchtigerer Natur. Und eine weitere Besonderheit, auf die Gäbler Wert legt und stolz ist, ist die regelmäßige Verankerung im Konzertplan des Philharmonischen Orchesters. Nicht irgendeine Muggentruppe wolle man sein. Die Verbindung zu den heutigen Theater & Philharmonie Thüringen ist den Musikern wichtig. Und das zeige sich auch darin, dass sich im Laufe der letzten Jahre die Struktur des Kammerorchesters durchmischt hat. Längst spielen im Reußischen Kammerorchester auch Musiker, die vor der Fusion der Theater und Orchester in Altenburg und Gera ihr berufliches Zuhause in Altenburg hatten.
Und davon, dass die Vereinsstruktur des Ensembles vielen etwas bringt, ist Günter Gäbler überzeugt. Denn mehr und mehr ist das Kammerorchester für ihn auch ein Wirtschaftsmodell. Kantoren und Konzertveranstalter können bei ihm musikalische Qualität zum Festpreis erwerben und das relativ unabhängig vom Spielplan des Theaters. Gerade in der Weihnachtszeit werfe das ja auch ein gutes Licht auf das Haus, das sein Repertoire spiele, während Musiker in kleiner Besetzung dennoch den guten Namen des Ensembles darüber hinaus pflegen und die Kantoren nicht irgendwie eine Besetzung zusammenstückeln müssen. Mit einem Philharmonischen Konzert voller besonderer Leckerbissen feiern die Musiker im Februar ein halbes Jahrhundert Orchestergeschichte. Bescheiden schwärmt Günter Gäbler zwar vom Programm des Philharmonischen Konzertes unter dem Motto "Barock beschwingt", geht aber auf das Konzert für Oboe, Violine und Orchester von Johann Sebastian Bach kaum ein, in dem er neben Andreas Hartmann, Konzertmeister des MDR Sinfonieorchesters, selbst als Solist mit seinem Reußischen Kammerorchester zu erleben sein wird. Vor allem freut er sich, seinem Publikum eine wirkliche Entdeckung präsentieren zu können Unterhaltsames von Georg Philipp Telemann nämlich. Hinter dem seltsamen Titel "Ouvertüre D-Dur verbunden mit einer tragikomischen Suite" TWV 55:D17 verbirgt sich nämlich eine ergötzliche Reflexion über die Gicht, passend zum Wetter, meint Gäbler über tatsächliche und eingebildete Krankheiten. Und Telemann hat recht vergnügliche Ratschläge parat von Bewegung per Postkutsche bis hin zum Freudenhausbesuch. Außerdem erklingen in Gera und AltenburgHenry Purcells Tanzsuite "The Fairy Queen", Jean-Philippe Rameaus "Quadrille à la cour" und der "Winter" aus Antonio Vivaldis "Die vier Jahreszeiten", ebenfalls mit Andreas Hartmann als Solisten, der das Reußische Kammerorchester in bewährter Weise leitet. 4. Philharmonisches Konzert, 9. und 10. Februar, Gera; 12. Februar, Altenburg, jeweils 19.30 Uhr